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DV gehört nicht auf den Filmmarkt. Es versaut die Norm. Es ist billig und wirkt auch so. Wer etwas anderes behauptet, verdient daran, saß im Kino bis
jetzt immer weit genug hinten, ist ein glücklicher Quereinsteiger oder genießt irgend ein anderes Privileg. Die vermeintlich geringen Kosten werden von den Nutzern als eine Art Befreiung angesehen. Vom
ökonomischen Druck. Von der aufwendigen Technologie des Films. Von langen Wartezeiten der TV-Redaktionen. Vom zweideutigen Lächeln der verschiedensten Entscheidungsträger. Oder einfach nur von der Ignoranz
anderer? Oder von anderen überhaupt? Oder letztlich von sich selbst. Bei aller Freude über diesen demokratieähnlichen Zugang zu den Medien von unten sollte man gesundes Mißtrauen nicht abwürgen. Die Gattung
der "Filmemacher" ist merkwürdig genug, als daß ja mal kurz nachschauen könnte, wer sich zu Wort meldet, wie er das tut und vielleicht auch warum. Die bislang genannten Vorteile, die in der Regel unter dem
Begriff Kreativität zusammengefaßt werden, haben fast nur quantitativen Charakter. Von allem, was es eh schon gab, gibt es nun noch mehr.
Die existierenden Strukturen des Filmgeschäfts und die damit
verbundenen Prozesse, mit denen Redakteure und Produzenten beschäftigt sind, wirken von außen fremd. Undurchschaubar. Jene glauben als einzige entscheiden zu dürfen, was einer Förderung würdig ist, was nicht.
Sie glauben zu wissen, was der Bürger braucht und was nicht. Ihre Richtlinien sind rein ökonomisch. Es gibt dabei auch Strategen, die sich moralisch im Recht fühlen. Denn was ca. 80% der Bevölkerung schmeckt, sollte
auch dem Rest schmecken. Alles andere wäre das Diktat einer Minderheit. Vor der haben sie merkwürdigerweise Respekt. Das ist die Chance. Und sie wird genutzt? Von den DV-isten. Sie wüten Untergrund an den
Drehorten und machen ihre Ideale marktfein. Ihre Produktionsbudgets feiern sie infolge kleiner Technik und hoher Motivation unterhalb der NULL-Budgetgrenze. Sie gehören zu den Tüchtigen. Sie sind billig. Sie
schindern für etwas, was auf dem Monitor cool aussieht und wenn es dann ernst wird, weil im technischen Sinne professionell, dann müssen sie das Konto plündern und trotzdem sieht man die ALDI-Taktik von der Leinwand
schimmern. Aber da ist es schon zu spät. Auf dem Weg zur Präsentation ihres Produktes verkaufen sie nicht, sie investieren. Und wenn sie es geschafft haben, wird gejubelt. Wenn der Film kommt. In einem Kino. In
zwei anderen auch, und dann noch im TV auf der dritten Programmschiene. Es gibt sie also. Sie sind auf dem Weg von der Peripherie ins Zentrum wie die Fliegen zum Licht. Die Filmemacher. Eine Wortschöpfung
der bürgerlichen Demokratie. Sie entstand vielleicht, weil die Berufsgruppen des Filmgeschäfts nicht rechtlich geschützt sind. Jeder kann sich Regisseur nennen, hat er auch nur einen einzigen Film gemacht. Oder
sogar schon davor. Der macht dann die Regie. Und bei DV macht er dann auch noch gleich die Kamera. Später macht er dann den Schnitt... Gleichzeitig signalisiert dieser Begriff
"Filmemacher" einen Mangel. Fehlende Ausbildung zum Beispiel. Diesen, in einer festgesetzten Frist vermittelten Komplex an Wissen, der den bewußten Umgang mit den Mitteln des Films fördert. Eigentlich voraussetzt. Handwerk ermöglicht, ausbaut und verfeinert. Die Technologie des Films bewußt macht. Und die klitze kleine Wahrheit zu Tage fördert, daß Filmherstellung, in welchem Format auch immer, nicht allzuviel mit Demokratie zu tun hat.
Ob diese Art von Wissenvermittlung sein muß oder nicht, darüber leistet man sich hierzulande Diskussionen. Die Wissenschaft aber, ihr Wesen dient als Beispiel dafür, daß das Neue sich nicht erschließen läßt,
in dem man auf schon existierende Erkenntnis verzichtet. Sie macht sich das Vorhandene zu nutze und kämpft nicht dagegen an.
Die negative Situation des Rivalentums mag Energie frei setzen. Ausdauer bewirkt
sie nicht. Es sei denn, man hat eine besonders schlechte Kindheit gehabt. Dies wiederum zeigt den Charakter von DV-Produkten. Wie lange halten sie? Moralisch und technisch. Wenn heute schon nachgewiesen ist, daß
selbst eine CD über eine Frist von 10 Jahren ihre Daten nicht für sich behalten kann. Die Form dieser "unschuldigen" Produkte setzt vielleicht einen Trend. Wie DOGMA oder besser die NouvelleVague. Für
den sie dann als Beispiel gelten. Das wäre dann auch ihr Platz in der Filmgeschichte.
Vergleichen läßt sich diese Situation mit der aufmüpfigen Bewegung des Oberhausener Manifestes. Da wurde dreist OPAS KINO
tot gesagt und Geld für alternative Filmkunst eingefordert. Daraus sind Namen hervorgegangen. Herzog. Wenders. Straub. Kluge. Etc. Lars von Trier hat 1995 mit seinem Freundeskreis auf einem dänischen Dachboden
der alten Sache einen neuen, inzwischen auch schon etwas betagten Namen verliehen. Die Dänen gingen dabei den sicheren Weg. Sie haben die technischen Grenzen von DV erkannt und versteckten sie in ihrem
Gesetzblatt. Auch beim Drehen scheinen sie sich dieser Schwächen bewußt gewesen zu sein. Gegen diese anzukommen hieß schwenken oder schneiden. Ein Schwenk gewährleistet noch das Raum-Zeit-Kontinuum. Auch wenn er
unmittelbar von fünf weiteren Reißschwenks verfolgt wird. Ein Schnitt bricht dieses Kontinuum auf, wenn man dem klassischen Umgang mit Achsen nicht folgt. Oder in der selben Achse bleibt, ohne die Einstellungsgröße
zu ändern. Das war seinerzeit verpönt. Nun ist es notwendig, weil die Einstellung sonst zu lang wäre. Die Kamera lief eben durch. Mal sehen, was kommt. Konnte ja sein, es passiert noch was wichtiges. Zufällig. Wenn
schon die Idee fehlt, nicht war. Ich staune über soviel Zuversicht. Mein erster Langspielfilm wäre auch nicht gewesen ohne die digitale Technik. Die Regie meinte auf die Frage nach dem WIE: na so BLAIR
WITCH-mäßig. Mal eben zack zack in 17 Tagen durchgeritten. Umzingelt von hoch motivierten Praktikanten. Daß ich im Vorfeld in die Kamera fast reingekrochen bin, um zu vermeiden, daß die Ausbelichtung billig
aussieht, habe ich nicht erzählt. Aber genau das war der Moment, wo mit Spontaneität nicht viel zu löten war. Elektronische Bildaufzeichnung ist seinerzeit entwickelt worden, um beim Dokumentieren von aktuellen
Ereignissen Zeit und Geld zu sparen. Nicht weniger aber auch nicht mehr. Die dafür entwickelte Technik hält also auch nur diesen Anforderungen Stand. Denn eine Dokumentation im Sinne von Nachrichten oder einer
Reportage hat andere ästhetische Ansprüche als eine szenische Produktion. Ignoriert man diese Tatsache, gibt's was auf die Rübe. Das beweist z.B. eine Dokumentation aller Kritiken, die die auf Digital-Betacam
gedrehte SFB-Tatortreihe betrifft. Der SFB hat sich mit dieser Sparmaßnahme (50 TDM/Film, macht ca. 2,5% vom Gesamtbudget) sein Renommee komplett versenkt. Vom Ruf der LINDENSTRAßE bei genau jenen, die über die
"digitale Revolution" jubeln, ganz zu schweigen.
Der "schlichte" Umgang der digitalen Aufnahmetechnik mit Parametern, wie Schärfe, Farbtreue, Kontrastumfang etc. steht mit seinen engen
Grenzen eigentlich für Authentizität. Ein Trumpf, der die Manipulation in der Medienlandschaft ermöglicht. Das ist der pawlowsche Reflex. Stefan Raab ist echt, also stimmt die Nummer mit dem Massaker in Bosnien
auch. Egal, ob ein halbes Jahr später eine unabhängige finnische Kommission dies widerlegt (siehe MONITOR). Der Krieg aber bleibt. Glaubhaft motiviert haben ihn die Medien im Stundentakt mit Hilfe der diskutierten
Technik. Die ARD-Sendung MONITOR präsentierte die Wahrheit ein einziges Mal.
Auffällig ist, daß die in DV-Filmen bedienten Themen, wie schon zur Blütezeit der westdeutschen Autorenfilms, die Schwächen der
Gesellschaft hervorheben. Konservative Entscheidungsträger können mit diesem Schnüffeln in den Dreckecken nicht viel anfangen. Die Werke in der Hauptsendezeit sollten sich nicht allzu sehr von der Werbung
unterscheiden. Denn auch diese trägt den Anspruch von Realitätsnähe. Das Schmuddelflair der DV-Angebote aber paßt zu den Themen. Ebenso, wie zu der "lauteren" Machart der Filme. Das kommt von der Basis.
Die Autoren haben zumeist was zu erzählen. Sie haben eine Meinung. Der Erfolg, stellt er sich ein, gibt ihnen dann Recht in mehrfachem Sinne: Zum einen bezüglich ihrer Haltung zu dem im Film geschilderten
Sachverhalt. Gleichzeitig halten sie sich nunmehr formal für kompetent. Wäre dies tatsächlich der Fall, trüge ihr Erscheinen nicht den Sternschnuppencharakter, der ihnen meistens zu eigen ist. Auch hier sei
der Vergleich zu den Oberhausener Manifestlern gestattet. Deren Werke galten als progressiv. Aber sie hatten keine konkrete Form. Sie langweilten mit ihrem Mut, die Kamera einfach anzulassen, während sie die
Schmuddelecke filmte. War es den FILMEMACHERN genug, ließen sie einen Bürger durchlaufen und ihre Autorenhaltung zitieren. Das man so etwas seinerzeit für erfrischend hielt, ist kein Zeichen für die Frische des
Werkes. Es ist ein Zeichen für eine verödete Medienlandschaft, in der sich solche, sich unglaublich ernst nehmende Werke noch frisch ausmachen. Ihr Glück waren die Darsteller. Was wäre Werner Herzog ohne seinen
Mitstreiter Kinski. Säße er dann heute trotzdem bei Harald Schmidt in der Show? (Ist ja auch kein Maßstab)
Und heute? Filme, wie "Das weiße Rauschen" zeigen mit ihrer Hauptfigur (D.Brühl,
hervorragend), wie krank die Gesellschaft ist. Genauso krank ist das auf 35mm aufgeblasene Videobild. Von dem die "Macher" eigentlich nichts wissen. Nur daß sie es gefilmt haben. Ja, gefilmt. Nicht
gedreht.
Es mag kleinlich sein, wenn man die Terminologie einer Profession achtet. Aber der sprachliche Verfall ist auch eine der Schattenseiten dieser Mischung aus Demokratie und moderner
Industriegesellschaft, wo die Sprache gerade der Region nachgeplappert wird, in der die meiste Kohle zu machen ist. Das ist der Fortschritt. Und Freiheit, die Demokratie im Filmwesen, der das Handwerk möglicherweise
im Wege steht. Es stört diese Freiheit für alle. Die digitale "Revolution" hat die letzten Grenzen in dieser Sache gesprengt. Da werden Handycams unter die Achsel geklemmt und der Mitmensch
abgeflimmert, ohne daß er einen blassen Schimmer von dieser würdelosen Grenzüberschreitung hat. Je kleiner die Kameras werden, desto größer wird die Bedrohung, die von ihnen ausgeht. Dokumentaristen, die glauben,
eine kleine Kamera schüchtere nicht ein, wissen offenbar nicht, daß der Protagonist, egal ob er von seinem Glück, gerade einer zu sein, weiß, damit auch ein Kollege ist. Er trägt mit seinem Wesen an der Entstehung
des Werkes bei. Damit kommt ihm ein nicht geringes Maß an Mitverantwortung zu. Ihn zu überlisten heißt nichts anderes, als ihn zu überlisten. Somit wird die Kamera ein Werkzeug für die sich hervorragend
entwickelnde Kultur der Häme. Auch hier ist Stefan Raab geistiger Repräsentant, der sich zeitweise mit seinen verulkten Protagonisten auf dem Niveau des offenen Kanals tummelt. Wie schlecht muß es einem Menschen
gehen, daß er nicht mehr eine Spur von Würde besitzt und sich für einen Platz in der Glotze so dermaßen verheizen läßt? Ja, ja. Mir fehlt der Sinn für Humor. Deutschen Humor.
Der Dokumentarist Volker
Koepp ("Herr Zwilling und Frau Zuckermann") meidet seit geraumer Zeit für seine Dreharbeiten den deutschen Sprachraum. Er, wie seine Helden haben mit der Tabulosigkeit der heutigen Medienlandschaft
scheinbar nichts mehr im Sinn. Er hält noch heute an dem Format 35mm fest. Er macht zu Beginn jeder Einstellung eine Synchronklappe. Die Kamera ist auch groß. Sein Kameramann, Thomas Plenert, ist auch nicht zu
übersehen. Dennoch sind deren Filme bekannt für ihre Nähe zu den Protagonisten. Er ist zudem scheinbar träge. Genau das aber ist seine Stärke und damit auch die seiner Filme.
Die Umkehrung davon findet,
begünstigt durch die Videotechnik heute statt. Sie bedeutet Hektik. Alle diese DOGMA-Filme sind hektisch gedreht. Daß einem schlecht wird davon. Es geht aber leider auch nicht anders. Ließe man ein DV-Bild zu
lange stehen, käme die schreckliche Wahrheit ans Licht. Daß es sich mit verräterischer Deutlichkeit um das Ergebnis eines Rechenprozesses handelt, der keiner Totalen oder sogar Halbtotalen stand hält. Der suchende
Blick des Rezipienten nach der Geschichte dienenden Signifikaten bleibt auf Treppen oder TV-Zeilen hängen. Farben werden zu Flächen und führen an den Grenzen dieser ihr Eigenleben bis die nächsten Fläche voll
wirksam ist. U.a. daran wird sichtbar, wie eng der ästhetische Rahmen dieser Technik gesteckt ist. Damit umzugehen bedarf es hemmungsloser Naivität diesen Tatsachen gegenüber oder eben Virtuosität. In einem solchen
Fall sind dann auch Offenbarungen möglich.
Die Hersteller der DV-Technik wissen um die Tricks, wie man verhindert, dass die brodelnde Masse der DV-Guerilla sich durch die Gitter schlängelt. Die Firma SONY ist
mit das beste Beispiel. Die Grenzen, die sie steckt sind fließend und hart zugleich. Fließend im Marketing und hart in der Technik. Sie wäre ohne weiteres in der Lage, eine bezahlbare Kamera herzustellen,
deren Bild auf dem Monitor einem 16mm-Filmbild zum Verwechseln ähnlich sieht. Eine nähere Untersuchung der Modellkette im Vorfeld eines DOGMA-Projekts, durchgeführt von Kamerastudenten der HFF Babelsberg brachte den
Nachweis. Jedes der untersuchten Modelle hatte eine professionelle Eigenschaft. Aber nie waren alle zusammen an einer Kamera vorzufinden. SONY wird sich auch hüten, das zu ändern. Sie finanziert zum Beispiel
einen Lehrstuhl an einem norddeutschen Filminstitut, der von einem renommierten Kameramann besetzt wird. Dieser wiederum fuchtelt in der Öffentlichkeit unentwegt mit einer hauseigenen Handycam herum und behauptet,
die digitale Videotechnik sei auf unaufhaltbarem Vormarsch. Jede genauere Frage wurde vielleicht mit Worten bedacht, aber nie beantwortet. Bis man den Kameramann auf den Prüfstand für die HD 24p-Technik
schickte. Und plötzlich fing er an zu meckern. Zum Beispiel nannte er Vorbehalte gegen die neue Monitor-Kultur und die sich daraus ergebende Demokratie am Set!
(siehe u.a. Interview mit M.Ballhaus im Kameramann 9/2000, S.116) Sein Status erlaubt ihm bis zur Rente dieser Technik aus dem Weg gehen zu können. Als Geschichtenerzähler im Dienste der klassischen Dramaturgie
des amerikanischen Mainstreams ist er ein Meister. Er lotet die Grenzen aus, ohne sie boshaft zu überschreiten. Genau das aber ist es, was Film so interessant macht. Seine Grenzen. Nicht seine, durch die DV-Technik
neu erworbene Freiheit. Heiner Müller behauptete ebenfalls nicht zu unrecht, daß Freiheit langweilig sei. Sie zivil und integer zu nutzen scheint angesichts unserer Gesellschaft und ihrer klaustrophoben Werke,
die sie hervorbringt, auch nicht ganz unproblematisch.
Und wenn am Schluß noch etwas Polemik gestattet ist: -Daß in nächster Nähe die vielen Kinos mit modernen Projektoren, die den gegenwärtigen
Q-Standarts entsprechen, halte ich für derbe Augenwischerei. -Daß die DV-Technik die Vielfalt fördert stimmt widerum. Zum Beispiel bei den Formaten: VHS, S-VHS, VHS-C, Video 8, Hi 8, Digital 8, DV, DV Cam, DVC,
DVC Pro 50, DVC Pro 25, U-Matic (wird immer noch genutzt), Betacam, Betacam SP, Digital Betacam, Mpeg 2, HD 24p, Festplatte von IKEGAMI, ... mehr fällt mir gerade nicht ein, außer der Frage nach dem bezahlbaren
Studio, in dem man alle genannten Formate abspielen kann. Gibt's nicht?. Schade aber auch.
© 2002 Jerome Katzenbach
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