netLOUNGE-DV zur BERLINALE 2004 -- DIE DV-FILME
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Off beat

R:  Jan Gassmann
Land: Schweiz 2011
Drehformat: MPEG4
Format: DCP
Länge: 95 Minuten
Sprache:  Schweizerdeutsch
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Atmen, wenn es kalt wird … Es ist November. Lukas, 26, schwebt mehr als er lebt. Der Traum vom Durchbruch in der Musikwelt ist langsam ausgeträumt, seine große Liebe – der Rap – hat seine goldenen Tage schon hinter sich. Verkokst und betrunken kämpft er sich durch ein Konzert in einem kleinen Club. Im Publikum schämt sich sein Bruder Sämi, 16, selbst ein ambitionierter Rapper, für die peinliche Darbietung. Der Produzent Mischa, der seit Jahren eine heimliche, turbulente Liebesbeziehung mit Lukas führt, hat daraufhin genug von Lukas’ Eskapaden und will Sämi in die Band integrieren... [aus dem Berlinale-Programm]

INTERVIEW

Wie würden Sie die Ästhetik Ihres Films beschreiben?
Es ist eine Mischform eines direkten dokumentarischen Charakters und einer klaren Spielfilm Ästhetik. Es ist ein beobachtender Film, welcher durch improvisative Elemente, dokumentarisch intuitive Kameraführung und eine doch sehr entschlossene Inszenierung versucht, ein hohes Mass an Authentizität zu generieren.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, diesen Film mit einer Video-DSLR zu drehen? (Und zurückblickend, war es die richtige Entscheidung?)
Diese Entscheidung ergab sich sehr stark aus der entschlossenen Machart des Filmes. Es war sehr wichtig den Schauspielern grossen Freiraum zu verschaffen, so dass diese improvisativ interagieren, innerhalb einer Szene ihre eigenen Worte finden und so einen unvorhergesehenen Spielraum ausloten konnten. Das Set musste somit 360 Grad bespielbar sein, die Kamera dokumentarisch geführt, das Licht grösstenteils "available" und ansonsten sehr flexibel einsetzbar. Weil auch viele Nachtszenen vorgesehen waren, war es eine Voraussetzung an die Kameratechnik, diese alleinig mit "available Light" zu meistern. Die hohe Lichtempfindlichkeit wie auch den grossen Gestaltungsspielraum welcher ein Vollformat-Chip einer Canon 5D gewährleistet, hat uns zu dieser Entscheidung bewogen.

Welches waren die größten Herausforderungen, die bei der Produktion mit einer VDSLR zu meistern waren?
Das sorgsame Zusammenstellen der Technik, so dass die VDSLR sich wirklich auch als eine Filmkamera einsetzen liess und dass diese sich für einen vier monatigen Schulterkamera Dreh bewährten konnte. Wir haben mit dem MovieTube der Kinomatik aus Stuttgart eine sehr gute Lösung gefunden, die uns während der Arbeit vergessen liess, dass wir mit einer Fotokamera drehen. Da während des Drehs die Firmware noch nicht erlaubte, auf 25P zu drehen, war die Umrechnung von 30 Frames / sec mithilfe von Shake, After Effects und Smoke eine sehr grosse Herausforderung in der Post.

Welche Optiken wurde verwendet?
Wir konnten mit einem gesponserten Carl Zeiss Linsen Satz drehen. Alles Festbrennweiten, EF-Mount, Manueller Fokus (mit dem Vorteil eines grossen Radius und angenehmen Wiederstandes):
- Carl Zeiss Distagon 28mm / 2.0
- Carl Zeiss Distagon 35mm / 1.4
- Carl Zeiss Planar 50mm / 1.4
- Carl Zeiss Planar 85mm / 1.4
- Carl Zeiss Makro-Planar 100mm / 2.0
- Sigma 120-300mm / 2.8

Welches Zubehör kam zum Einsatz (Monitor, Rigs etc.) und wie wurde der Ton aufgezeichnet?
- Rig: Movietube Pro Rig von KINOMATIK (von Kameraleuten für Kamerleute gebaut = sehr ergonomisch) mit Waltergrips, Breakoutbox inkl. Stromzufuhr über Fisherpin Kabel, 701 Viewfinder von Sony, V-Mount Akku als Gegengewicht, Chrosziel Followfocus, Mattebox)
- Monitor: Marshall V-LCD70XP-HDMI (7")
- ND Filter Tiffen 0.9 & 1.2

- Der Ton wurde extern auf den Harddisk Recorder des Tonmeisters aufgezeichnet (Sounddevices 744T) und von da aus wurde ein Downmix als Referenz per Funk auf die Kamera gesendet. Später per Klappe oder PluralEyes angelegt.

Welches Drehverhältnis hatte der Film?
Da wir sehr dokumentarisch gedreht haben und auch die Geschichte sozusagen "komplett" aufgezeichnet haben und erst im Schnitt uns für einzelne Szenen entschieden, kam man bei uns schwer ein Drehverhältnis bestimmen. Während den Monaten vor dem Dreh wurden auch witterungsbedingt Szenen vorgedreht, die teilweise in den Film einflossen.

Auf welchem System bzw. mit welcher Software wurde der Film geschnitten?
Wir haben den Film parallel auf zwei iMacG5s auf FinalCutPro geschnitten, offline im HDV Format.

Ein gutes Wort (oder zwei) über DV (bzw. HDV / HD):
Im Gegensatz zu vielen anderen digitalen Aufzeichnungsmöglichkeiten bietet eine Video-DSLR, wie oben beschrieben, eine gute Möglichkeit mit filmischen Gestaltungsmitteln wie Tiefenunschärfe und differenzierter Lichtmodelationen zu arbeiten. Und dies steht somit durch den erschwinglichen Preis nun auch jedem Filmemacher zur Verfügung.

Ein schlechtes Wort (oder zwei) über DV (bzw. HDV / HD):
Solch erschwingliche Technik hat natürlich auch immer seine Ecken und Kanten.
DSLRs sind doch immer noch Fotokameras und technisch, für den professionellen Filmgebrauch, nicht vollständig ausgereift. Der fehlende Nativausgang wird immer noch vermisst. Und der H264 Codec setzt an dieser Stelle voraus, eine differenzierte Lichtbestimmung schon während dem Drehen zu machen, weil sich in der Postproduktion nur weniges noch verändern lässt. Und Jaques Moirée meldet sich leider auch etwas zu oft, da der grosse Chip für die Videoaufzeichnung doch nur jede vierte Zeile wirklich verarbeitet.



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